Litilvölva
vom leisen Beginn eines Weges
Þórbjörg litilvölva –
Thorbjörg, die kleine Völva.
Eine Gestalt aus der Eiríks saga rauða – dort, wo Geschichte in Nebel übergeht.
Über sie heißt es, sie sei eine Seherin gewesen.
Und man nannte sie Litilvölva.
Schon in alten Überlieferungen wurde unterschieden:
zwischen der Spákona, der Sehenden,
und der Völva, derjenigen, die zwischen den Welten webt.
Nicht jede Völva schaut voraus –
manche hören tiefer.
Nicht jede Sehende trägt den Stab.
Der Weg kennt viele Formen, und keine davon verlangt Erlaubnis.
Klein ist kein Maß
„Klein“ ist hier kein Maß, sondern ein Zustand.
Ein Anfang.
Ein Lauschen, bevor Worte Form annehmen.
Eine Litilvölva lauscht, wo andere schon sprechen.
Sie beobachtet die Zeichen, prüft die Träume
und hält inne, statt sich festzulegen.
Der richtige Moment kennt keinen Kalender.
Es gibt kein Datum, an dem jemand zur Völva erklärt wird.
Der Weg beginnt, wenn etwas antwortet –
und man bereit ist, zuzuhören.
Wahl statt Gewicht
Der Titel Völva ist kein Ziel, sondern ein Gewicht.
Manche entscheiden sich, es zu tragen.
Andere lassen es bewusst liegen.
Beides ist richtig.
Die Vorstellung, eine Litilvölva sei weniger begabt,
entspringt dem Wunsch, Tiefe messbar zu machen.
Doch Gaben entziehen sich jedem Maß.
Manche wirken still
und tragen dennoch ganze Welten.
Ein offener Kreis
Die Litilvölva geht keinen vorgeschriebenen Pfad.
Sie folgt dem, was sich zeigt:
dem Wechsel der Jahreszeiten,
der Sprache der Natur,
dem Wissen, das nicht gelernt werden kann.
Sie weiß:
Nicht jeder Schritt muss größer sein als der vorige.
Manche müssen nur echter sein.
Die Litilvölva ist kein Zwischenzustand.
Sie ist ein Zustand des Lauschens.
Ein offener Kreis.
Ein Feuer, das nicht lodert –
und dennoch nicht mehr zu löschen ist.